Bolivien: 2. Rundbrief von Marie Hagenbourger

Concepción – bolivianische Vielseitigkeit, Spontaneität, Kreativität, Politik

Liebe Interessierte an Bolivien,
Die Orte in der Chiquitania (der Region, in der Concepción liegt) gehen u.a. auf Jesuitenreduktionen zurück. In der Zeit der Missionierung sind hier autarke Stätten entstanden, die ohne den Einfluss von außer­halb selbstständig leben konnten und somit weitestgehend von der Ausbeutung verschont blieben. Hieraus sind auch zahlreiche Missionen entstanden, in denen fleißig musiziert wurde, vor allem mit Streichinstrumenten. Die Orchester spielen klassische barocke Stücke. In Concepción wurden bei Restaurierungsarbeiten zahlreiche barocke Partituren (von Messen) gefunden, die ein­malig sind und für verloren geglaubt wurden. Noch heute hat sich „meine“ Musikschule diese Stücke auf die Fahnen geschrieben und studiert diese Stücke fleißig ein. Die aus dem 18. Jahrhundert stammenden Barockkirchen, davon sind 6 übergeblieben, wurden aufwändig restauriert und 1990 als UNESCO-Weltkulturerbe ausgezeichnet.

Ich möchte euch noch einmal mit auf eine kleine Reise nach Concepción nehmen und von den letzten 3 Monaten berichten:

Musik, so weit das Auge reicht und das Ohr hören kann

Ich kann über verschiedene Lehrer und Bekannte die erforderlichen Kontakte herstellen und somit den Zutritt zum Museum und Archiv in Concepción erhalten. Hier lagern über 5000 (jesuitische) Partituren, die aus den umliegenden Orten in der Chiquitania zusammengetragen worden sind. Ich begleite einen ehemaligen Bolivienfreiwilligen, der für seine Dissertation im Archiv forscht. Wir suchen nach Melodien, die seit langer Zeit aus Festveranstaltungen und Gottesdiensten verschwunden sind.

Meine Kollegen der Musikschule am Tag der Musiker

Am 22.11. steht der Tag der Santa Cecilia an, sie ist die Schutzpatronin der Musiker. Den ganzen Tag gratulieren mir Leute. Abends begleiten wir mit dem Orchester und dem Chor den Gottesdienst. Hierfür proben wir am Tag selbst. Nur durch Zufall bekomme ich am Abend vorher die Noten. Der Chorlehrer hat sich die Mühe gemacht und die Lieder, die sonst auswendig gespielt werden, für dieses Fest notiert. Er hat so viel Spaß und Freude bei der Arbeit gehabt, dass er mir kurzerhand eine Solostimme für die Klarinette komponiert hat. Anschließend an den Gottesdienst treffen wir uns mit allen Musikschülern, singen, feiern und essen gemeinsam. Abends sitzen wir mit den Musiklehrern zusammen und machen Musik, wie soll es auch anders sein am Tag der Musiker.

Ein paar Kostproben aus unseren amüsanten Orchesterstunden:
„Alles unter Achtel ist langweilig!“
Nach 3 Stunden Probe: „Es ist überhaupt kein Problem, dass du jetzt keine Luft mehr hast. Du wirst dich daran gewöhnen.“ – Sonst spielen im Orchester nur Streicher mit.
„Wir geben ihr einen Monat Eingewöhnungsphase und spielen nur die langsamen Stücke mit ihr. Danach nehmen wir sie aber richtig dran.“

(Schul-) Jahresende; Navidad, Navidad, hoy es Navidad (zu singen auf die Melodie von Jingle Bells)

Vorweihnachtsstimmung war ein Fremdwort. Auch wenn unser Geigensolist bereits 3 Monaten lang Weihnachtslieder spielte, mit der Begründung, dass schon „bald“ Weihnachten sei. Ich unterstütze den Chor, die Weihnachtslieder für den Gottesdienst an Heiligabend einzustudieren und bastele im Anschluss an die Proben mit den Kindern Weihnachtsschmuck.

In der Bastelwerkstatt für Weihnachten

Um mich ein wenig auf Weihnachten einzustimmen, möchte ich Plätzchen backen. Um die Zutaten zu besorgen, habe ich im Supermarkt dann eine große Fragerei in Gang gesetzt – Was ist denn ein Lebkuchen, geschweige denn Lebkuchengewürz?! – So musste mein Lebkuchen mit Zimt und Nelken Vorlieb nehmen.

Das Colegio wird von Nonnen geleitet, ist also kirchlich orientiert. Die Ferien beginnen daher mit einem Abschlussgottesdienst. War vormittags der Gottesdienst mit den älteren Schülern sehr ruhig, beeindruckt mich die Messe am Nachmittag mit den Grundschülern. Der Gottesdienst ähnelt einer großen Feier des Glaubens. Die Kinder singen, tanzen, hüpfen, klatschen und freuen sich. Danach beginnen die Sommerferien.

Ferienbeginn im colegio

Für uns Lehrer ist der Tag aber noch lange nicht zu Ende. Die musikbegabten Lehrer bringen ihr Akkordeon, Mischpult, Piano und Co. mit. Anfangs tanzen nur ein paar Lehrerinnen, am Ende schaffen wir es, das gesamte Kollegium zu animieren. Es wird lange und ausgelassen getanzt. Während­dessen bereiten die Lehrer, die sich eher in der Küche zu Hause fühlen, ein Abendessen vor. Den Tag lassen wir gemeinsam gemütlich ausklingen.
Aber es ist kein Abschied auf lange Zeit. Montags sehen wir uns in alter Frische wieder. Denn erst jetzt werden die Noten geschrieben, findet die Zeugniskonferenz statt und Zeugnisse werden gedruckt, 3-fach mit Stempeln versehen und unterschrieben.

An Weihnachten spielen wir den Gottesdienst mit dem Ensemble. Nach unzähligen Weihnachtsliedern kommt auch jetzt bei mir Weihnachtsstimmung auf. Anschließend feiern wir gemeinsam mit den Musiklehrern. Der Weihnachtsabend wird in Bolivien sehr lange gefeiert!

Für Silvester hat mich meine Mentorin eingeladen, sie zu ihrer Familie zu begleiten. Meine kleine, erste Reise in Bolivien, da ich bisher noch nicht wirklich aus Concepción rausgekommen bin. Die Silvesterfeier beginnt in Bolivien erst um Mitternacht. Bis dahin wird gekocht, geschlafen und ausgeruht, weil nach dem Beglückwünschen und Mitternachtsessen der Tanz bis in den frühen Morgen beginnt.

Bolivien hat die Wahl

Evo Morales ist der erste indigene Präsident Boliviens. Besonders die einfache indigene Bevölkerung des Hochlandes sieht sich in Morales politisch repräsentiert.
Evo (das ist hier die typische Anrede Morales‘) ist mit seiner 14-jährigen Regierungszeit der längste Präsident im Amt. Er möchte gerne bei den Präsidentschaftswahlen erneut antreten, die Verfassung sieht allerdings keine weitere Amtszeit vor. Im Referendum vom 21. Februar 2016, was unter der Bezeichnung 21F in die Ge­schichte einging, stimmen die Bolivianer gegen eine Verfassungsänderung (51,3%), die Evo eine 4. Amts­zeit ermöglichen würde. Das Verfassungsgericht (Evo-orientiert) stimmt darauf­hin jedoch dem Antrag zu, den entsprechenden Artikel zu modifizieren.
Evo Morales tritt bei den Wahlen für die Partei MAS an (movimento Al Solcialismo -linkspopulistisch). Der aussichtsreichste Gegenkandidat ist Carlos Mesa (Comunidad Ciudadana – direkte Demokratie). Nicht alle Gegner Evos sind von Mesas Politik überzeugt. Mesa sei aber eindeutig das kleinere Übel, so heißt es.

Der „Ausnahmezustand“ beginnt schon vor dem eigentlichen Wahltag. La „ley seca“ (das trockene Gesetz) schreibt nämlich vor, dass für das gesamte Wochenende kein Alkohol gekauft oder konsumiert werden darf. Darüber hinaus sind am Sonntag das Tragen von Waffen und Diskussionen über Wahlabsichten verboten. Offiziell ist jeglicher Verkehr untersagt. Mir wird der einzige Tag mit Stille auf der Plaza prophezeit. Dem ist allerdings nicht so: Es sind fast keine Autos unterwegs, die Motorradanzahl wächst allerdings erheblich. Zu Stoßzeiten der Wahlen wird in der Nähe der Schule in bis zu 4 Reihen geparkt. Na, hoffentlich kann sich der Besitzer noch merken, wo er sein Moto abgestellt hat.
Die Wahl hat den Charakter eines Dorffestes. Gewählt wird in der Schule, die zentral im Ort liegt. Überall stehen Marktstände, es wird Essen ge­kocht.

Auszählung der Stimmen am Wahlabend in der Schule

Am Wahlabend verfolge ich die ersten Auszählungen. Es ist ein Duell zwischen Morales und seinem Konkurenten Mesa, was aber, soweit man aus den Hochrechnungen schließen kann, ein Kopf-an-Kopf-Rennen erwarten lässt. Nach bolivianischem Wahlrecht muss der Gewinner entweder mehr als 50 Prozent der Stimmen auf sich vereinen können oder aber dem Zweitplatzierten um mindestens zehn Prozentpunkte voraus sein und mindestens 40 Prozent der Stimmen bekommen, sonst kommt es zu einer Stichwahl.

Paro, bloqueo, fraude

Die nächsten Tage werden unruhiger. Zunächst sieht es lange nach einem zweiten Wahlgang aus. Dann wird von Unregelmäßigkeiten berichtet. Die Schnellauszählung wird nach der Bekanntgabe von ersten Ergebnissen zwischenzeitlich gestoppt. Danach steigt Morales‘ Stimmenanteil rapide an. Wahlbeobachter der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) äußern sich verwundert „über die Trendwende bei den Wahlergebnissen. Dies sei nur schwer zu erklären.“ (Tagesschau vom 22.10.19)

Mesa kündigt an, das Ergebnis nicht anerkennen zu wollen und wirft Morales Wahlbetrug (fraude) vor. Er ruft zum unbefristeten Generalstreik (paro) auf. Der öffentliche Verkehr steht still. Die Geschäfte haben nur noch vormittags geöffnet, der Schulunterricht fällt aus – lediglich Orchesterproben finden für das anstehende Konzert statt und ich bereite den Unterricht für die nächsten Wochen vor.
Am 25.10.19 verkündigt das Oberste Wahlgericht offiziell Evos Sieg. Er muss somit nicht in eine Stichwahl. Evo gewinnt knapp mit 47,1% vor Mesa mit 36,5% der Stimmen. Die Situation eskaliert und wird ge­walttätiger. Die Polizei wechselt das Lager und stellt sich öffentlich auf die Seite der Demonstranten.
Noch-Präsident Evo Morales spricht von einem Putschversuch und ruft seine Anhänger auf, sich zu mobilisieren. Am 10.11. überschlagen sich die Ereignisse: Frühmorgens legt die OAS den Bericht vor, in dem sie massive Unregel­mäßigkeiten beim Wahlergebnis beanstandet und eine Annullierung der Wahlen empfiehlt. Anlässlich des Berichts sieht sich Morales gezwungen und kündigt Neuwahlen an mit einer vertrauenswürdigen Wahl­behörde, unabhängig von der Regierung. Der Druck wächst weiter und die Neuwahlen reichen angesichts der massiven Vorwürfe nicht mehr aus, um die Situation zu befrieden.
Den ganzen Tag treten Minister und Politiker (der MAS) zurück (bis zum Ende des Tages nahezu 50!). Am Nachmittag hat Morales jegliche Unterstützung verloren und kündigt (u.a. auf Druck des Militärs) seinen Rücktritt an. Er spricht von einem bürgerlichen Putschversuch.
Außerdem treten sein Vizepräsident und die Senatspräsidentin zurück. In der Ansprache werden die Erfolge der Regierung betont: wirtschaftliches Wachstum, massiver Straßenbau, Ein­dämmung der Inflation, Verstaatlichung der Energiekonzerne.

Concepción feiert den Rücktritt Evos

Auch in Concepción wird die Nachricht des Rücktritts erfreut aufgenommen. Es bildet sich eine riesige Menschen- und Motorrad­schlange, die ihre Runden um die plaza drehen und dann vor der Kirche zum Stehen kommt. Ein Meer aus bolivianischen Fahnen tanzt in der Luft. Der Glockenturm wird ge­stürmt. Ein langes Geläut. Die Stimme des Dorfes spricht. Die Menschen beglück­wünschen sich, singen, weinen vor Freude und tanzen.
Auf der anderen Seite sind die Anhänger des ehemaligen Präsidenten enttäuscht. Sie haben ihren Präsidenten ver­loren. Bolivien steht ohne Regierung da.

Das Parlament muss die Rücktritte des Präsidenten und der Minister anerkennen. Der Senat und das Parlament sind allerdings nicht beschlussfähig, da kein Quorum zustande kommt.
Mexiko bietet Evo politisches Asyl an. Somit befindet sich der Präsident definitiv im Aus­land. Da Präsident, Vize­präsident und Senats­präsidentin abwesend sind, übernimmt die Vize­präsidentin des Senats somit die Führung des Senats und im Parlament. Jeanine Añez wird am 12.11. Interims­präsidentin und kündigt Neuwahlen an. Ein Ende des paros wird an­gekündigt. Das Land echauffiert sich allerdings weiter. Die politische Krise schlägt zu­nehmend in Gewalt um. MAS‘isten gehen auf die Straße, Gewalt und Plünderung werden stärker. Mit der Zeit beruhigt sich die Situation allerdings.

In letzter Zeit ist es ruhiger geworden. Es gibt zwar noch Reibereien, allerdings ist das Land überwiegend friedlich. Die Neuwahlen sind für den 3. Mai angesetzt. Zur Zeit stellen sich Kandidaten auf (u.a. auch die Interimspräsidentin, obwohl sie dies anfangs abgelehnt hat).

Meine Beschreibungen sind sehr subjektiv. Alles, was ich hier beschreibe, beruht auf verschiedenen Medieninfos, Gesprächen mit (sicher nicht unparteiischen) Lehrern und Mitmenschen. Je nachdem, in welcher Region des Landes man sich momentan aufhält, stößt man auch eher auf Evo-Anhänger oder -Gegner. Außerdem ist es nicht möglich, in der Kürze dieses Berichts alle Ereignisse darzulegen, sodass ich mich nur auf die für den weiteren Verlauf erforderlichen bezogen habe.

Ich hoffe, ich konnte mein bolivianisches Leben ein wenig näherbringen. Letzte Woche hat das neue Schuljahr begonnen und die intensiven Vorbereitungen für die nächsten großen Konzerte beginnen wieder. Saludos,

Marie