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Bolivien: 1. Rundbrief von Ronja Knopp

Hallo liebe Leser_innen und aruntt‘äwinak apayaniña, 

Das ist Aymara und heißt so viel wie „Viele Grüße“. Aymara ist eine von insgesamt 35 in Bolivien anerkannten indigenen Sprachen und ist unter anderem in dem Gebiet vertreten, in dem ich hier in Bolivien lebe. 

Nach langem warten kommt nun endlich mein erster Rundbrief, in dem ich euch ein wenig erzählen kann, wie hier meine ersten Monate verlaufen sind. 

Heute ist der 13. Dezember 2023, ich sitze gerade in meinem Zimmer mit Ausblick auf ein Bergpanorama des Altiplanos und nutze jetzt endlich die Sommerferien hier, in denen mein Projekt geschlossen hat, um die letzten Monate revue passieren zu lassen. 

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Ich habe mir vorher einige Gedanken gemacht wie und was ich schreiben will, deshalb hier vorab nur ein kleiner Disclaimer kommt: Ich bin hier als Fremde in einem für mich neuen Land. Ich habe hier viele Erfahrungen gemacht und Dinge erlebt, die ich gerne mit euch teilen würde. Alles was ich erzähle soll aber bitte nicht als verallgemeinernd aufgefasst werden. Ich bin hier offensichtlich kein Experte in diesem Land und berichte auch nicht von „dem Bolivien, wie es ist und wie man es kennen muss“. Genau wie sonst überall bin ich hier in einer kleinen Bubble, von der aus ich Sachen erleben und erzählen kann. All das ist keinesfalls repräsentativ für irgendwelche Personengruppen, irgendeine Kultur oder geschweige denn ein ganzes Land. Zum einen ist Bolivien ein unfassbar großes und vielfältiges Land, von dem ich in der ganzen Zeit wo ich hier bin, nicht alles sehen werde. Dann kommt noch hinzu, dass vieles in meinem Umfeld sehr kirchlich ist; ich lebe mit Nonnen zusammen und unternehme viel mit ihnen und den Priestern hier, was ebenfalls die Art und Weise wie ich Sachen erlebe beeinflusst. Wahrscheinlich noch einer der größten Einflüsse ist auch, dass ich hier in das Land gekommen bin, ohne Spanisch sprechen zu können (mit Ausnahme von meinem 60 Tage Duolingo-Streak), geschweige denn eine der vielen anderen Sprachen, die hier gesprochen werden. Vor allem durch diese Sprachbarriere basieren viele meiner Erfahrungen alleine auf dem, was ich gesehen habe oder meinte verstanden zu haben. Ich habe hier somit nur die Möglichkeit einen Bruchteil von einem anderen Land aufzuschnappen, bin dabei aber sehr dankbar, dass dieser Bruchteil ein wenig die Wege des touristischen Erlebens verlässt. Dabei bin ich mir ständig am bewusst werden, dass ich zwar in vielen Punkten offen und unvoreingenommen in dieses Jahr hineingehen kann; Dennoch kann ich die Tatsache nicht ändern, dass ich hier das Privileg genieße, als weiße Europäerin in ein anderes Land reisen zu können, dort ein Jahr zu leben und die Gastfreundlichkeit von den Leuten hier vor Ort zu beanspruchen, was natürlich auch immer etwas ist, was mit im Raum steht. Ich hoffe einfach, dass ich mit diesen und folgenden Rundbriefen einen kleinen Einblick geben kann, wie es ist, sich in einer anderen Kultur zurechtzufinden, mit neuen Leuten, einem neuen sozialen Umfeld und den ein oder anderen Gemeinsamkeiten und Unterschieden. 

So das war‘s jetzt auch, viel Spaß beim Lesen 😉

Ankunft auf 3.640 m

La Paz- Am 09.08 sind wir morgens am Flughafen in El Alto als Gruppe gelandet und wurden von unserer Koordinatorin Isa abgeholt. Während wir in einem Bus runter nach La Paz gefahren sind, konnten wir einen ersten Blick von oben auf die Stadt werfen und dieser war wirklich beeindruckend. La Paz liegt in einer Schüssel umgeben von Bergen. Direkt angrenzend oben am Rand der Schüssel liegt El Alto, eine Stadt, die ursprünglich als Stadtteil von La Paz galt, mittlerweile aber von der Einwohnerzahl die Verwaltungshauptstadt überholt hat. Von dieser kommen wir gerade, um zu unserer ersten Unterkunft in einem Schwesternhaus in der Innenstadt zu kommen. 

Stadtzentrum La Paz

Die ersten Tage haben wir genutzt, um uns die Stadt (vor allem das Zentrum) anzugucken und uns wurde gezeigt, wie wir uns hier besser zurecht finden können. Die wichtigsten Transportmittel hier sind Taxis, Minibusse und vor allem die Telefericos. Diese sind Seilbahnen, welche sowohl Teile La Paz‘, als auch La Paz und El Alto miteinander verbinden. (Vorher waren beide Städte primär nur durch zwei Hauptstraßen miteinander verbunden). Die ersten Tage sind wir als Gruppe viel Teleferico gefahren, was tatsächlich auch laut TripAdvisor einer DER Sachen ist, die man in dieser Stadt gemacht haben sollte. Zum einen ist es ein recht schneller Weg um von einem Ort zum anderen zu kommen, zum anderen bieten die Telefericos die Möglichkeit, die Stadt aus der Vogelperspektive zu sehen (was oft auch noch mal der Orientierung zu gute kommt). Wovor es mir am Anfang noch etwas gegraut hat, waren die Minibusse. Auf den Straßen von La Paz gibt es glaube ich mehr Minibusse als Autos, da diese von den meisten genutzt werden, um von A nach B zu kommen. Aber zu verstehen, welche wann wo hin fahren und wann man aussteigen muss schien mir am Anfang eine Sache der Unmöglichkeit. Es gibt hier weder Fahrplan noch Haltestellen. In der Frontscheibe der Busse sind einige Destinationen angegeben und unterschiedliche Farben kennzeichnen oft grob die Bereiche in denen sie unterwegs sind. Um einzusteigen winkt man einfach dem Passenden, welcher dann rechts ran fährt. Wenn dann der Ort kommt an dem man aussteigen will, kommuniziert man das mit dem Fahrer, indem man zum Beispiel ruft, dass man an der nächsten Ecke raus will. Für mich war das am Anfang unfassbar überfordernd, ich habe erst mal eine Weile gebraucht, um zu verstehen, welche Busse wo hin fahren. Auch die Tatsache, dass ich mit meinen noch nicht vorhandenen Spanischkenntnissen im besten Fall vom hintersten Ende des Minibusses aus rufen musste „En la esquina, por favor” (Was am Anfang der einzige Satz war, den ich wusste, da ihn mir meine Gastschwester gesagt hat), hat mich unfassbar nervös gemacht. Mittlerweile kann ich aber mit Stolz sagen, dass ich kein Herzrasen mehr bekomme, wenn ich in einen Bus einsteige. Und obwohl das ganze anfangs wie gesagt für mich einfach nur wie ein Ameisenhaufen ohne System gewirkt hat, bin ich mittlerweile richtig begeistert davon. Zum einen hat man sich erspart, zu einer Haltestelle laufen zu müssen und da dann gegebenenfalls mehrere Minuten zu warten. Hier stellt man sich einfach an den Straßenrand, wartet in der Regel eine halbe Minute und kann dann in einen Bus einsteigen. Dann ist es auch echt praktisch, dass man aussteigen kann, wo man will, sodass quasi jeder Bus einen vor die Haustür fahren kann. Und die Preise machen das ganze Minibus-System noch attraktiver, da man in La Paz pro Fahrt 2 Bolivianos bezahlt. Und wenn man sich nach einer Weile besser auskennt und die Hauptdestinationen, die auf den Bussen stehen, kennt, dann findet man sich damit auch gut zurecht.

Ausblick auf den Illimani

Nach drei Tagen im Schwesternhaus kam ich endlich zu meiner Gastfamilie, bei der ich den ersten Monat verbringen sollte, um mich besser einzuleben und in der Zeit auch einen Sprachkurs zu besuchen. Meine Gastfamilie hat ein Haus direkt im Zentrum La Paz‘ und besteht aus sechs Personen: meinen Gastgeschwistern Laura (27) und Camilo (25), meinen Gasteltern Lucia und Eddy, der Mutter von Lucia und abuelita des Hauses Luisa und zum Schluss noch die kleine einjährige Tochter meiner Gastschwester Martha. Arbeiten tun sowohl meine Gastschwester und ihr Vater in einem Krankenhaus in El Alto, meine Gastmutter ist derzeit als Englischlehrerin an einer Schule tätig und mein Gastbruder ist am studieren. Da meine Gastmutter logischerweise Englisch sprechen kann und beide meiner Gastgeschwister selber ein Auslandsjahr in Deutschland gemacht haben, hatte ich zwar anfangs gute Möglichkeiten, mich zu verständigen und auch viel erklärt zu bekommen, auf der anderen Seite war ich die Zeit über aber auch sehr gehemmt, an meinem Spanisch zu arbeiten. Für die breite Masse hier ist es nicht üblich, Englisch oder auch Deutsch zu sprechen. Damit wurden wir schon an unserem Zwischenstopp am Flughafen in Santa Cruz konfrontiert. Hier wird in erster Linie Spanisch gesprochen. Genauer gesagt aber Castellano: Das ist ein kleiner aber feiner Unterschied, der mir bevor ich hier war nicht ganz bewusst war. In der Verfassung ist festgehalten, dass eine der 36 offiziellen Sprachen nicht Español, sondern Castellano ist. Prinzipiell sind die Unterschiede hauptsächlich eine grammatikalische Regel und einige andere Wörter. Ich habe hier viele Personen getroffen, die mir das erklärt haben und meinten, dass diese Differenzierung sehr wichtig ist, unter anderem auch um sich von dem Spanisch in Spanien abzugrenzen. Andere wiederum haben mir gesagt, dass es prinzipiell die gleiche Sprache ist und dass man diese auch gleichsetzen kann. Trotzdem wird man hier keinen Bolivianer sagen hören, dass er „español“ spricht, sondern eben „castellano“, und tatsächlich ist das in vielen Ländern Lateinamerikas so. Die anderen 35 indigenen Sprachen werden in verschiedenen Teilen Boliviens gesprochen und sind eng verbunden mit verschiedenen Kulturen. Das Schulsystem sieht vor, dass jeder nach Castellano noch mindestens eine weitere der offiziellen Sprachen lernt, was vor allem gegen das Aussterben von Sprachen und Kulturen in diesem Land helfen soll. 

Da ich aber anfangs keine der 36 Sprachen konnte, war ich für mein Spanisch in einem Sprachkurs und konnte gleichzeitig in diesen Tagen die Stadt noch ein bisschen mehr erkunden. Viele Aspekte in La Paz erinnern mich an cdso viele andere Großstädte, die es auf der Welt gibt. Es gibt ein (touristisches) Zentrum mit all den Clubs, Bars und Cafés, wo vieles auch an die europäische Kultur und westliches Essen angelehnt ist. Auch Malls und Kinos gibt es hier einige. Dann auch noch einige Straßen, wo man „typische bolivianische Touristenartikel“ kaufen kann, und der berühmte Witch-Market, der auch eine Vielzahl an Touristen anzieht. Dort kann man unter anderem Gegenstände kaufen, welche für verschiedene Rituale gebraucht werden. Passend zu unserer Ankunftszeit im August ist dieser Monat nämlich auch der Monat der Pachamama (Mutter Erde), welche eine präsente Rolle in verschiedenen indigenen Kulturen einnimmt. Vor allem in dieser Zeit kann man zum Beispiel Körbe verbrennen mit verschiedenen Gegenständen, je nachdem wofür man das macht. Gründe die ich mitbekommen habe waren, wenn man irgendwelche materiellen oder immateriellen Wünsche hat (neues Auto, Urlaub…) oder wenn ein Haus gebaut wird kann man so etwas für Glück und Erfolg durchführen. Nicht jeder macht so etwas, aber zum Beispiel meine Gastfamilie hatte so etwas für ein neues Haus gemacht, was sie in El Alto gekauft (oder gebaut) hatten. 

Und all diese Sachen dafür kann man unter anderem in dieser Straße kaufen. Ein Objekt, bei dem ich etwas schlucken musste, als ich ihn gesehen habe, waren getrocknete Alpaka-Babys oder -Föten, welche ebenfalls für Pachamama geopfert werden. Mir wurde erklärt, dass es sich dabei um Totgeburten gehandelt hat und diese dann dafür verwendet werden, der Anblick war dennoch etwas ungewohnt für mich.

„Tag des Fußgängers“ in La Paz; ein ganzer Tag an dem keine Autos fahren und man auf den Straßen der Stadt Fußball spielen oder mit dem Fahrrad fahren kann. Ein Tag für den Klimaschutz.

Etwas weiter bergauf von den Hauptstraßen im Zentrum gelegen befinden sich noch eine Vielzahl von anderen Märkten, was ich noch viel spannender fand. Meine Gastfamilie hat mich so oft wie es ging bei ihren Alltagsbesorgungen mitgenommen, damit ich mir das angucken konnte. Natürlich gibt es hier auch zahlreiche Supermärkte, die auch viele internationale Lebensmittel, vor allem aus den USA, haben, dennoch kaufen die meisten Leute auf Märkten ein. Hier ist es preislich anders als in Deutschland, denn die Supermärkte sind in der Regel sehr viel teurer als die Märkte, auch wenn man bei dem Märkten dafür eher wissen muss, wo man suchen muss. Die Auswahl wirkte bis jetzt für mich immer deutlich größer. Da ich es aber nicht gewohnt bin, Sachen auf Märkten zu kaufen sondern eigentlich nur den Supermarkt kenne, war auch das anfangs alles etwas überfordernd für mich. Größere Märkte sind in der Regel in Abschnitte aufgeteilt, ein Bereich für Kleidung, einer Für Lebensmittel, einer für Elektrowaren… trotzdem kann die schiere Menge an Gegenständen und auch Leuten etwas überrumpelnd sein. Für mich war das Einkaufen auch noch schwierig, da es keine Preisschilder gibt. Man fragt den/ die Verkäufer_in (mit dem ungefähren Preis im Hinterkopf) wie viel er/sie dafür will, um dann gegebenenfalls zu verhandeln. Da ich noch nicht wirklich eine gute Vorstellung davon hatte, wie teuer hier gewisse Sachen sind oder sein sollten und ich auch wahrscheinlich so verwirrt und unsicher wie ich war wie jemand aussah, dem man auch ruhig erst mal einen höheren Preis sagen könnte, war das eine Aktivität, die ich am Anfang nur mit Begleitung gemacht habe. Laura, meine Gastschwester, hat mir in Bezug dessen viel gezeigt und erklärt und war unter anderem auch mit mir auf der Feria in El Alto. Das ist einer der größten Märkte Lateinamerikas und er findet zwei mal in der Woche statt. Und ich kann gar nicht betonen wie groß der ist. Über einen Abschnitt kann man mit der Teleferico drüber fahren und es wirkt so, als hätte sich halb El Alto in einen Markt verwandelt. Hier findet man dann auch wirklich alles, von Bananen hin zu second-hand Kleidung hin zu Autos. Problem ist nur dass man wissen muss wo und sich schnell verlieren kann (Wenn man nicht gerade mit seinen Gastgeschwistern unterwegs ist und einen da durch navigieren können). Und da wollte ich auch noch ein paar Worte zum Thema Sicherheit verlieren, da vor allem El Alto bekannter Weise einen eher schlechteren Ruf hat. Aber ich hatte bis jetzt keine negativen Erfahrungen. Wie in jeder Großstadt und bei großen Menschenansammlungen können so Sachen wie Taschendiebstähle passieren. Vor allem auf der großen Feria in El Alto wo man wirklich dicht an dicht steht. Wenn man aber einfach sein Handy tief in der Tasche oder am besten zu Hause lässt, dann ist man eigentlich auf der sicheren Seite. Auch in La Paz sollte man vielleicht vermeiden, nachts betrunken alleine in dunklen Gassen herumzuirren, aber da würde ich mal behaupten dass das auf fast jede größere Stadt auf der Welt zutrifft. In El Alto gibt es wohl einige Orte, wo eine höhere Kriminalität ist und wo meine Gastmutter mir auch sagte, dass ich da am besten nicht hingehe, vor allem alleine, aber wenn man nicht gerade den Nervenkitzel sucht und dann genau so Orte aufsucht, dann kann man sich (oder zumindest ich) sehr sicher fühlen, trotz der ganzen Vorurteile und Geschichten die man vorher mal gehört hat. 

Kleider-Shoppen mit meiner Gastschwester auf einen der vielen Märkte in La Paz

Nach einer sehr schönen Zeit mit meiner Gastfamilie, in der wir auch einige Ausflüge gemacht haben (zum Beispiel nach Coroico, eine Stadt in den Yungas, oder zum Muela del Diablo (Zahn des Teufels, eine Bergformation in der Nähe von La Paz)), hieß es dann für mich Taschen packen und auf zu meinem eigentlichen Wohnort für dieses Jahr in eine Stadt circa 2 Stunden von La Paz entfernt. 

Familienausflug zum “Muela del Diablo“, ein Berg in From eines Backenzahns. Hier ein Foto mit einen Gastgeschwistern an der Spitze des Berges.
Ausflug in die Yungas nach Coroico mit fast tropischem Klima und einer wunderschönen bunten Aussicht (auch eine schöne Abwechslung mal wieder leichter atmen zu können :D)

Patacamaya 

Patacamaya ist eine Stadt mit ungefähr 25.000 Einwohnern und ein Knotenpunkt zwischen anderen großen Städten wie Oruro und La Paz. Dementsprechend ist auch der Verkehr hier recht groß und man hat gute Verbindungen zu anderen Orten. Nach Minibussen, die die Orte der Stadt selber miteinander verbinden und mit denen ich mich in der ersten Zeit so gut angefreundet hatte, sucht man hier aber vergeblich. Stattdessen gibt es hier aber Taxis, für die man pro Fahrt innerhalb des Ortes einheitlich fünf Bolivianos bezahlt. Wie schon am Anfang erwähnt habe ich hier ein sehr kirchliches Umfeld. Die Prälatur dieser Stadt heist Coro-Coro, wobei der Bischof (Monseñor Pascual Limachi) sich in Patacamaya aufhält. Die Stadt befindet sich, wie auch La Paz, im Altiplano. Wir sind also hoch und die Vegetation ist recht dürftig, zumindest was die Begrünung angeht. Dafür wird man hier aber mit einem tollen Bergpanorama belohnt. Ein sehr großer Vorteil der Höhe und des trockenen Klimas ist auch, dass es hier so gut wie keine Insekten gibt, bedeutet, man hat hier keine Probleme mit Moskitos oder anderen Tieren, auf die ich generell gerne verzichten kann. Da La Paz in einer Art Schüssel liegt, bedeutete das, dass man eigentlich immer entweder hoch oder runter gehen musste, was bei der Höhe am Anfang sehr schwierig war. Da hieß es dann nach 50 Metern Berg auf erst mal: Atempause. Hier ist es aber wie in El Alto auch durchgehend flach ohne Berg hoch und runter, wo sich meine Lunge sehr drüber gefreut hat. Manchmal kann nur der Wind in Kombination mit der recht staubigen Umgebung problematisch sein. Auch die Intensität der Sonne ist merklich anders als wie ich es aus Deutschland kenne. Zwar ist es hier generell eher kalt, wenn aber die Sonne scheint, dann scheint sie richtig und man könnte von einem Moment auf dem anderen im T-Shirt rumlaufen. Das ist aber keine so gute Idee, da man dann mit Sicherheit einen Sonnenbrand bekommt. Deshalb sieht man hier eigentlich jede Person mit Kappe oder Sonnenhut herumlaufen, einige (ich eingeschlossen) auch mit fingerlosen Handschuhen, um die Hände vor der Sonne zu schützen wenn man viel draußen ist. 

Drei mal die Woche gibt es an verschiedenen Orten in Patacamaya einen großen Markt, wo man eigentlich alles bekommen kann, was das Herz begehrt. Von Kleidung zu Schreibwaren zu unfassbar leckerem Obst. An den anderen Tagen findet man alles Nötige in den Tiendas, welche vor allem an der Hauptstraße quer durch Patacamaya zu finden sind.  Es gibt Apotheken, Ärzte, Restaurants, kleine „Supermärkte“ mit den wichtigsten Lebensmitteln, Kleidungsgeschäfte und vieles mehr. Das meiste ist dabei wirklich an der einen Hauptstraße zentriert. Dort ist es auch mit Abstand am lautesten. Zum einen ist es hier normal, die Autohupe für alles mögliche zu benutzen. Zum anderen befinden sich an der Straße die ganzen Abfahrstationen nach La Paz, Oruro und den anderen Städten, weshalb zum gehupt noch Menschen dazu kommen die aus vollem Hals die Destinationen wie: „LA PAZ LA PAZ LA PAZ LA PAZ!!!“ schreien. Ich hatte zumindest noch nie Schwierigkeiten den richtigen Bus zu finden. Weiter abseits findet man dann in der Regel nur noch Wohnhäuser und kleine Lädchen (Tiendas) an der ein oder anderen Ecke. Auch wenn ich vorher die Großstadt La Paz gewohnt war und Angst hatte, dass ich mich hier zu Tode langweilen werde, war ich froh festzustellen, dass dem überhaupt nicht so ist. Mit Freunden zusammen Essen gehen oder Wally (eine Art Volleyball) in einer Halle spielen, einer der vielen Sportvereine beitreten, bei irgendwelchen Feiern mitmachen und vieles mehr. Langweilig ist mir bis jetzt hier noch nie geworden.

Mein Willkommensgottesdienst mit anschließender Feier

Mein Projekt und Alltagsablauf

Meine Wohnsituation ist etwas kompliziert. Ich habe ein großes Zimmer mit Bad auf einem Schulgelände in einem Haus, in dem sonst Zimmer für Priester oder andere Leute sind, die zu Besuch in Patacamaya sind. Kochen und essen tue ich aber zusammen mit den drei Nonnen dieser Gemeinde (Hermana Ricarda, Clementina und Eva) sie leben in einem abgegrenzten Haus, wo ich aber alle Räumlichkeiten mit benutzen kann. Morgens frühstücken wir zusammen und meine Arbeit beginnt dann in der Regel um Neun oder halb Zehn. Dabei handelt es sich um das „Comedor del niños“. Das ist eine Art Kindertagesstätte, wo aktuell um die 100 Kinder im Alter von sieben bis 17 Jahre vor bzw. nach der Schule herkommen, um (primär) zu essen und auch miteinander zu spielen. Weit habe ich es nicht auf die Arbeit. Fünf bis zehn Minuten Fußweg, vorbei an der Kirche und dem Hauptplatz Plaza Avaroa und dem Wohnhaus des Bischofs. Das Comedor selber besteht aus einem Großen Grundstück mit mehreren kleinen Häusern, die meisten jedoch mehr oder weniger ungenutzt, einem großen Gewächshaus, einem kleinen Spielplatz und dem Hauptgebäude. In diesem befinden sich der große Essenssaal und die Küche mit Ausgabefenster. Morgens angekommen treffe ich erst einmal auf die zwei Köchinnen Doña Angelica und Doña Vicky, die in der Regel schon das Wasser am aufsetzen sind. Zu meinen Aufgaben gehört zuerst, die am Vortag gespülten Löffel und Schüsseln zu trocknen und zu verräumen und dann die Stühle für die Kinder im Essensraum herunter zu stellen. Wenn das erledigt ist, dann helfe ich den Köchinnen bei was auch immer gerade ansteht. 

Gekocht wird für die Kinder immer eine Gemüsesuppe als Vorspeise (zum Beispiel „Sopa de Mani“, de Quinua“ oder de Arroz“) und als Hauptgang („Segundo“) gibt es in der Regel Reis oder Nudeln mit Salat und eine Art Fleisch, entweder Hackfleisch oder auch mal eine Art Schnitzel. Ab un zu gibt es auch so etwas wie Rellenos. Man kann sich das ein bisschen vorstellen wie Kartoffelklöse (manchmal auch aus Reis) mit einer Füllung. Das wird dann frittiert und dann hat man eise super leckeren gefüllten Bällchen. Da die Suppe immer die gleiche Basis hat schäle und rasple ich in der Regel die Möhren, Rüben und die Zucchini dafür, während Doña Vicky meistens den Salat vorbereitet und Doña Angelica die Nudel/ den Reis und die Suppe vorbereitet. Andere Aufgaben die ich sonst meistens mache sind Kartoffeln schälen, Bohnen kleinschneiden oder ähnliches. Dabei helfe ich meistens einer Art Aushilfe (Doña Aurora), die meistens da ist. Von ihr lerne ich auch super viele Techniken, wie ich am effizientesten die Aufgaben erledigen kann. Allgemein macht mir die Arbeit in der Küche super viel Spaß. Das ist der Ort für den Tratsch des Tages, es wird super viel gelacht und hier kann ich auch gut mein Spanisch verbessern. Auch kochen oder backen wir oft Sachen für uns oder den Monseñor, die über das typische Essen im Comedor hinausgehen. Zum Beispiel Empanadas: das sind so Teigtaschen, die mit Käse gefüllt und dann halbmondförmig eingedreht werden. Da habe ich auch gefragt, ob sie mir zeigen können wie man das macht und mittlerweile lassen sie mich die Teigtaschen eindrehen und ich muss sagen das sieht immer schöner aus. Noch nicht so wie von den Köchinnen, aber ich habe ja noch ein bisschen Zeit zu üben. Mir macht es unfassbar Spaß die ganzen Sachen zu lernen und ihnen macht es Spaß mir zuzugucken, wie ich vor Angst jedes mal zurückschrecke, wenn ich Teigfladen für Buñuelos in das Frittierfett werfe, mit so viel Sicherheitsabstand wie möglich. 

Erster Versuch Empanadas zu machen (meine sind die die etwas interessanter geformten :D)

Zwischen elf und halb 12 kommen dann irgendwann die ersten Kinder. Das sind meistens die, die nur nachmittags Unterricht haben und deshalb vor der Schule zum essen kommen. Sobald sie da sind und das meiste in der Küche erledigt ist unternehme ich dann was mit ihnen. Anfangs war das für mich noch schwierig, da die Kommunikation mehr als dürftig war mit meinen Spanischfähigkeiten. Am Anfang war ich daher sehr gerne in der Küche. Aber nach und nach hat sich zwischen einigen Kindern und mir ein sehr guter Draht aufgebaut und sie helfen mit viel beim Lernen. Sie sind sehr interessiert, wenn ich ihnen Geschichten aus Deutschland erzähle und Bilder zeige und im Gegenzug erzählen sie mir auch viel über sich. So lernen die Kinder ein bisschen etwas über andere Länder und ich kann viel über Sprache und das leben hier lernen. Was auch eine beliebte Aktivität ist, ist Schach spielen. Als ich das gehört habe, habe ich mich sehr gefreut. Und das ist Wahnsinn, wie gut die Kinder sind. Ich spiele oft mit den acht- bis zehnjährigen und bin immer aufs Neue überrascht wie gut die das schon können. Sie haben mir erklärt, dass es in der Regel verpflichtend ist in der Schule, Schach zu lernen und das hier fast alle Kinder ab sieben oder acht Jahren mehr oder weniger Schach spiele können. In nächster Zeit, wenn das bei mir mit dem Spanisch auch besser klappt, habe ich vor, einige größere Projekte mit den Kindern zu machen, wie zum Beispiel ein Schach-Turnier und ein Malprojekt, wo wir eine Wand des Comedors bemalen. Wie viel sich davon ergeben wird, wird sich zeigen. Momentan ist dafür so ein bisschen das Problem, dass die meisten Kinder kommen, essen und dann direkt wieder gehen, sodass ich recht wenig Möglichkeiten habe, mit ihnen so etwas zu machen. Vor allem da ich während des Essens die nach und nach eintrudelnden Kinder in eine Liste eintragen muss, was sehr viel Zeit frisst. Da hoffe ich einfach nur, dass sich da ein bisschen etwas ändert, dass ich mehr mit den Kindern unternehmen kann. 

Perlenarmbänder Basteln mit den Kindern im Comedor

Normalerweise sind die Kinder dann ab halb drei wieder weg und Hermana Ricarda und ich sind dann für das Putzen verantwortlich, bedeutet Tische abwischen, Stühle hochstelle, fegen und wischen. Wenn das erledigt ist, helfen wir meistens noch mal in der Küche. Hier werden oft Sachen für den folgenden Tag vorbereitet (Kartoffel schälen, Möhren würfeln etc.). Der Arbeitstag endet dann ungefähr um vier Uhr Nachmittags. 

Eisessen mit den Köchinnen und Nonnen von meinem Projekt am „Tag der Frauen“ in Bolivien

Danach gehe ich meistens nach Hause, besuche meine Freundin und Mentorin Mayra auf ihrer Arbeit oder besuche andere Freunde, da ich zum Beispiel einen kennengelernt habe, der ein Klavier zu Hause hat und der mir angeboten hat, dass ich bei ihm spielen kann und dass er mir auch Gitarre beibringen kann. Vor kurzem bin ich auch in ein Basketballteam beigetreten, weshalb oft abends auch Spiele sind wo ich dann hingehen kann. Das ist auch ein guter Ausgleich für mich und eine gute Möglichkeit, neue Leute kennenzulernen. Dann ist jeden Abend Messe, wo ich auch versuche so oft wie möglich hinzugehen. 

Auch wenn es generell nicht gerne gesehen wird ist der Hund der Schwestern Belusa auch immer mal wieder in der Messe und leistet uns Gesellschaft

Sonst gehören zu meinen Alltäglichen Aufgaben noch verschiedene Hausarbeiten, wie ab und zu Kochen und Wäsche waschen. Da habe ich das Glück, dass wir hier bei den Nonnen im Haus eine Waschmaschine haben. So wie ich es bis jetzt mitbekommen habe, waschen hier die meisten Leute per Hand, die Waschmaschine bei uns ist auch erst ein Jahr alt. Meine Gastfamilie in La Paz hatte eine und und ich hier jetzt auch, aber die meisten meiner Freunde hier waschen per Hand. Ob jetzt aus Präferenz oder Kostengründen oder beidem. Ich kann mir auf jeden Fall vorstellen, dass die Finanzierung hier aufgrund der (Rolle der) Kirche erleichtert wurde. 

Kirche, Christentum und andere Erfahrungen

Ich wollte über dieses Thema auch ein bisschen erzählen, weil ich über meine Zeit hier viel beobachten konnte. Hier wie auch in vielen anderen Teilen der Welt hat die Religion, hier das Christentum, einen sehr hohen Stellenwert und dementsprechend auch die Kirche. Die meisten Leute hier sind Christen und besuchen regelmäßig die Kirche. Und von dem was ich bis jetzt erlebt habe, geht es den Nonnen, Priestern und dem Bischof hier vergleichsweise sehr gut. Ich hatte nie das Gefühl, dass wir besonders aufs Geld achten mussten. Wenn ich mit den Nonnen auf den Markt gegangen bin oder wir sonst irgendetwas gebraucht haben. Vor allem aber die Wohnsituation der Priester wirkt sehr gut. Sie haben eigene Köchinnen (einen für den Bischof und einen für die Padres die hier leben) und ich weiß nicht wie viele Autos, ich glaube auf dem Grundstück neben der Kirche stehen mindestens vier. Von dem was ich so wahrnehme haben die Geistlichen hier ein recht umsorgtes Leben und auch ich kann dadurch einige Privilegien genießen. Jedes Wochenende oder auch innerhalb der Woche fahren der Bischof oder andere Priester in kleine Kommunen in der Prälatur, um dort für die Menschen Messen abzuhalten und dort kann ich auch immer mit wenn ich möchte. Zum einen bietet mir das eine einmalige Möglichkeit, viel von der Prälatur und dem Altiplano zu sehen. Wir sind oft in sehr kleinen Dörfern wo vielleicht fünf Familien leben und das sind dann Orte, die ich sonst nicht gesehen hätte und Leute die ich sonst nicht getroffen hätte, da man da schlecht mit einem Reisebus hinfahren kann. Viele sind sehr interessiert woher ich komme und was ich hier mache und so kommt man schnell mit den Leuten ins Gespräch. Ich finde das schon eine schöne Sache und ich habe so einige Leute kennengelernt, mit denen ich jetzt befreundet bin. Zum anderen bin ich mir aber bewusst, dass das eine art des Privilegs ist, da es nicht üblich ist, so umher zu reisen. Einige hier haben Patacamaya oder das Altiplano nie wirklich verlassen und so etwas wie eine Reise mit dem Flugzeug nach Trinidad (Departamento Beni), wie ich sie mit dem Monseñor für eine Veranstaltung dort gemacht habe, ist für die meisten nicht umsetzbar. 

Ausflug nach Trinidad für die „Woche der Hermandad“ (meiner Partnerorganisation) mit einigen Aktivitäten wie Bäume pflanzen und verschiedene Orte in der Umgebung besuchen

Generell ist es hier auch so, dass Kirche und Religion noch mal einen ganz anderen Stellenwert haben als bei uns. Für die meisten ist es hier ein wichtiger Anhaltspunkt und auch Knotenpunkt für soziale Veranstaltungen. In Patacamaya sind oft Reunionsfeiern wo Priester und Katechesen aus der ganzen Prälatur angereist kommen und meistens nehme ich an diesen Veranstaltungen auch Teil. So Treffen ziehen sich meist über mehrere Tage und sind super interessant. Es gibt natürlich jeden Tag eine Messe und dann noch andere Gruppenaktivitäten. Mittags und Abends wird zusammen gegessen. Ich würde schon sagen, dass Essen hier generell ein wichtiger Teil in Kultur bzw. in sozialen Veranstaltungen einnimmt. Denn auch bei so Sachen wie Schulveranstaltungen, wo ich manchmal zu eingeladen werde, oder anderen Feierlichkeiten wird immer miteinander gegessen, meist ist es eine ganze Mahlzeit. 

Kurz einige Worte zum Essen: Man hat hier eine sehr große Vielfalt an Essen, welches auch in der Regel charakteristisch für verschiedene Orte ist. Wo ich mich am Anfang ein wenig drauf einstellen musste, war die Tatsache, dass hier das Konzept von Vegetarisch nicht wirklich vertreten ist. Zu einer ausgewogenen Mahlzeit gehört hier eigentlich immer eine Art von Fleisch, meistens Huhn oder Schwein. Wenn ich hier sage, dass ich zumindest in Deutschland kein Fleisch gegessen habe, stößt das meistens auf Gelächter oder Unverständnis. Ich habe in Bezug dessen auch gehört, dass soetwas hier eher damit assoziiert wird, dass man sich kein Fleisch leisten kann, dass das also wenn eher eine ungewollte Entscheidung ist. So oder so habe ich hier mein Vegetarisch-Sein auf Eis gelegt. Zum einen weil es oftmals Sachen einfacher macht, zum anderen weil ich das ganze Essen hier auch probieren möchte. Zu meinen Lieblingsessen gehören aktuell Salteñas, ein Gericht das heißt Chicharrón (Schweinefleisch mit einer Art Mais und Chuño, wobei es sich um eine Art Kartoffel handelt, welche hier sehr beliebt ist) und P‘esque (Peske). Das ist ein Gericht was ich zum ersten Mal gegessen habe, als meine Gastoma das gemacht hat. Es stammt aus der Aymara Kultur und es handelt sich dabei um eine Art Brei aus Quinua und Milch mit Käse. Sehr simpel aber sehr lecker. 

Was nun auch bis jetzt bei mir Teil bei fast jeder Veranstaltung war, war Tanzen. Bolivien hat bekanntermaßen wie viele andere Länder eine große Auswahl an verschiedensten Tänzen. Und auch wenn das schon ein Klischee ist wo vielleicht direkt jeder aus diesen Ländern mit assoziiert wird, war das hier für mich ein Aspekt der mir unfassbar gefallen hat, auch wenn es wahrscheinlich daran liegt, dass ich so etwas aus Deutschland einfach nicht kenne. Beispielsweise ist es hier in den Schulen in Patacamaya üblich, dass einmal im Jahr jede Stufe oder Klasse einen Tanz aufführt. Bis jetzt war ich da auf zwei dieser Tanzveranstaltungen von zwei Schulen auf die auch einige der Kinder in meinem Projekt gehen. Jede Region und Kultur hat ihre eigene Tänze und ich bekomme auch mehr und mehr (vor allem durch so Veranstaltungen bei denen viele verschiedene Tänze aufgeführt werden) einen groben Überblick. Am einfachsten unterscheiden kann ich die Tänze anhand der Kostüme. Vor allem kann man oft schnell erkennen, ob der Ursprung aus den tropischen Regionen kommt oder eher aus zum Beispiel dem Altiplano. Was ich hier oft sehe ist Morenada (aus La Paz), Potolo (Potosí) und Tinku (Potosí). Aber jedes mal wenn ich auf irgendeiner Tanzveranstaltung bin sehe ich wieder einen neuen den ich noch nicht kannte. In der Regel wird in diesen Tänzen eine Geschichte erzählt, es gibt zumindest immer ein Thema, wie zum Beispiel: Die Arbeit in den Minen, ein Tanz des Teufels, eine Liebesgeschichte, Llamahirten und vieles mehr. Und ich kann da jedes mal etwas neues lernen. Man kann jetzt hier nicht das Bild haben, dass jeder tanzen kann und gerne tanzt (dafür habe ich hier genug Freunde bei denen das nicht so ist), aber Tanzen war zumindest bis jetzt Teil jeder gemeinschaftlichen Veranstatung, bei der ich war. Ich freue ich auch schon auf März, da hier in dieser Zeit eine große Entrada (wie eine Art Straßenfest) stattfindet, wo ich mit einer Gruppe von Freunden Tinku tanzen werde. Die Proben dafür fangen im Januar an und ich bin schon sehr gespannt darauf.

Schulveranstaltung, wo jede Klasse einen Tanz aufführt; Hier der Tanz Waka Waka

Etwas, was ich auch noch kurz ankratzen möchte ist die Sprache und Kultur Aymara und den Unterschied zwischen Patacamaya und La Paz, so wie ich ihn bis jetzt erlebt habe. Wie schon gesagt beschreibt Aymara sowohl die indigene Sprache als auch eine daran angeknüpfte Kultur. Sie ist zudem einer der am größten vertretenen Sprachen in Bolivien und dies reicht auch noch über das Land hinaus. Auch meine Gastoma in La Paz kann Aymara sprechen und meinte, dass sie mir gerne in Zukunft ein paar Dinge beibringen kann. Sonst kam ich aber recht wenig in La Paz damit in Kontakt. Was man auf dem ersten Blick vielleicht auch damit verbinden mag (und generell auch mit Bolivien), sind die Kleider der Cholitas. Cholitas sind Frauen, erkennbar an einem charakteristischen Kleidungsstil, welcher zwar auch innerhalb Bolivien variiert, aber dennoch einheitliche Grundkleidungsstücke aufweist. Die Frauen tragen den typischen Rock bestehend aus mehreren Stoffschichten (=pollera), eine Art dekorativen Schal über den Schultern (=manta) und den typischen Hut (=sombrero). Ob man sich so kleidet oder nicht hängt oft damit zusammen, wie sehr man sich damit identifiziert, so hat es mir zumindest meine Gastschwester erklärt. Vor allem in der Stadt sah ich verhältnismäßig wenige Frauen, die diese Kleider getragen haben. Meine Gastmutter zum Beispiel kleidet sich so nur zu Feierlichkeiten oder Tanzveranstaltungen. Es gibt nämlich für Cholitas „alltägliche Kleidung“ und dann aber auch unfassbar aufwändige Polleras und Mantas für besondere Anlässe. Einmal suchte meine Gastmutter mit mir für sich ein Outfit für eine Festtagsveranstaltung und dabei hat sie mir einiges über die Geschichte dieser Kleider erzählt. Zum Beispiel dass man sagt, dass sich nicht jeder Mann eine Cholita leisten kann. Denn diese tragen oft sehr teuren Schmuck aus Gold (vor allem Ohrringe und eine Brosche vor der Brust, die den Manta zusammenhält). Und auch die Röcke und andere Accessoires sind nicht günstig. 

Hier in Patacamaya tragen im Gegensatz dazu schätzungsweise 80-90% der Frauen diese Kleidung, die Nonnen bei mir meinten aber, dass immer weniger junge Menschen sich dazu entscheiden, sich so anzuziehen, auch hier in Patacamaya. Was ich ebenfalls das erste mal in Patacamaya erfahren habe, waren Gesänge auf Aymara. In den Orten um Patacamaya herum sprechen die Leute oft besser Aymara als Castellano und die Messen dort werden meist auf Aymara gehalten. Daher kann ich nach einigen Besuchen dieser Dörfer zumindest schon sagen: „Wie geht es dir?“ und „Gut!“. Auch die Lieder, die dort gesungen werden sind dann auf Aymara. Typische Begleitinstrumente sind da Gitarre, Trommel, Tamburin und Mandoline. Zudem ist die Art, wie gesungen wird, auch anders als ich es bis jetzt kannte. Beschreiben kann ich es schwer, aber wen es interessiert kann vielleicht auf YouTube mal danach suchen. Während den Liedern erinnert die Stimmung in der Kirche ein bisschen an einen Gospelchor, alle singen mit, sind am klatschen und mehr oder weniger leicht am tanzen. Wenn es Treffen in Patacamaya gibt mit Besuchern aus den Umgebenden Kommunen und Dörfern, werden auch hier manchmal die Messen auf Aymara gehalten und es gibt eine Band für die Musik, wo dann noch ein Schlagzeug dazu kommt. 

Generell finde ich das Thema mit den Kulturen hier sehr interessant, auch wie diese dann in Verbindung mit dem Christentum hier stehen. Das ist aber das Thema, wovon ich mit am wenigsten Ahnung habe und auch am wenigsten verstehen kann. Ich hatte mich letztens beim Abendessen noch einmal mit den Nonnen darüber unterhalten und sie sagten auch, dass das hier zwar Aymara ist, aber Aymara ist nicht gleich Aymara, weder die Sprache noch die Gewohnheiten, die damit in Verbindung stehen. Jede Region hat nochmal Unterschiede und ich befinde mich hier nur in einer von vielen. Über die ersten Monate hier habe ich mich schon mehrfach damit auseinander gesetzt und mir auch viele Gedanken zu Kultur generell und Kultur in Deutschland gemacht. Antworten auf meine Fragen habe ich aber immer noch nicht. Wenn man aber zum Beispiel die Stadt La Paz und die Stadt Patacamaya vergleicht, dann kann man schon feststellen, dass es da Unterschiede gibt. Ein Beispiel wäre die eben angesprochene Kleidung. Ein anderes, was ich erlebt hab, war der Umgang mit dem 31.10. Während in La Paz super viele Halloween-Feiern waren, gab es das hier gar nicht. Hier wie auch in La Paz wurde Todos Santos (Allerheiligen) auf und vor den Friedhöfen gefeiert (das wäre noch mal ein Thema für sich) aber Halloween, wie es auch in Deutschland gefeiert wird, mit Verkleiden und Süßes-oder-Saures, gibt es hier in Patacamaya prinzipiell nicht. Wobei Mayra, meine Mentorin, gesagt hat, dass dieses Jahr einige Kinder verkleidet hier herumgelaufen sind. Und zu diesen Unterschieden meinten die Nonnen, dass sich auch hier Kultur im Wandel befindet. Kultur stirbt nicht unbedingt aus, sondern verändert sich, wird durch andere Sachen ergänzt und durch äußere Faktoren beeinflusst. Das sei schon etwas, was sie beobachten würden, wenn man sich jetzt beispielsweise La Paz anguckt.

Das ganze Thema ist aber etwas, wo ich hoffe, dass ich in folgenden Rundbriefen noch etwas mehr zu erzählen hab.

Einige letzte Worte 

Ich bin hier jeden Tag neue Dinge am lernen und konnte in der Zeit wo ich hier bin schon eine zweite Familie finden, die mich unfassbar herzlich aufgenommen hat. Dieses Jahr ist eine gute Möglichkeit, um mehr über andere und vor allem aber über mich selbst zu lernen. Die Erfahrungen die ich hier sammle, hätte ich glaube ich in Zehn Jahren in Deutschland nicht machen können. Ich möchte aber genau deshalb noch einmal daran erinnern, dass all das hier für mich unter anderem nur durch Spenden finanziert werden kann. Damit auch in nachfolgenden Jahren Leuten wie ich, die noch nicht wissen, was sie nach der Schule oder dem Studium mit sich anfangen sollen und erst mal einfach mehr von der Welt sehen wollen, die gleiche Möglichkeit haben, ist es wichtig, weiter Gelder zu sammeln. 

Ich glaube, diese Freiwilligendienste leisten einen Beitrag für eine offenere Welt, welche Disparitäten und Ungleichheiten überwinden und das Bewusstsein für einen „Eine-Welt“-Gedanken stärken können. Von daher appelliere ich an jeden, eine solche Sache zu unterstützen und weiterhin den Weg zu ebnen für einen Verstärkten Austausch in der Welt. 

Daher findet ihr am Ende noch einmal alle Informationen, um an SoFiA e.V spenden zu können. 

So oder so hoffe ich aber, dass ich euch mit dem ersten Rundbrief einen kleinen aber feinen Einblick geben konnte in meine Erfahrungen die ich hier machen durfte. Und ich hoffe ihr hattet Spaß beim lesen.

In den nächsten Monaten werde ich meine Sommerferien nutzen und einige Orte Boliviens besuchen, den Karneval in Oruro erleben und auf der Entrada in Patacamaya Tinku tanzen. Das und noch einiges mehr kommt dann im nächsten Rundbrief in einigen Monaten zur Sprache, ich freu mich schon drauf.

Bis dahin…

Ein unfassbar großes Dankeschön an alle die mich in diesen ersten Monaten hier so stark unterstützt haben <3

Tagesausflug in die Berge mit Hermana Clementina, Hermana Irene und Padre Vicente

Liebe Grüße aus Bolivien

jikisiñkama 

Eure Ronja (oder wie es hier meistens heißt: Gonia)

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