Indien: 1. Rundbrief Paula Regenhardt

Liebe Freunde und Familie,

Lieber Solidaritätskreis,

Seit zwei Monaten bin ich nun schon hier in meiner Einsatzstelle im Kinderheim Friendly Home Alangayam, Indien.

Die Ereignisse meiner ersten Zeit hier überschlagen sich regelrecht, weshalb ich mich umso mehr freue, euch nun von meinen Erlebnissen zu berichten.

Meine Ankunft und erste Eindrücke

Seit ich meine Reise angetreten habe, ist alles ein Abenteuer. Angefangen damit, dass ich das erste Mal ganz alleine und eine so weite Strecke geflogen bin.

Die Kinder des Friendly Home und ich an meinem ersten Tag

Nach meiner  zwölfstündigen Reise bin ich morgens am 11. August in Chennai angekommen, wo mich meine Vorgängerin Hanna und zwei Fathers hier aus Alangayam abholten. Allein die fünf stündige Autofahrt zu meinem Projekt Friendly Home war total aufregend. Das Straßenbild wirkt auf den ersten Blick etwas ungewöhnlich, geprägt von einigen Tieren am Straßenrand, vielen Rollern und Linksverkehr, doch mittlerweile ist dieser Anblick für mich sehr normal geworden.

Das Grundstück des Friendly Home, fotografiert von meinem Zimmer aus

Angekommen im Friendly Home wurde ich herzlichst von den Kindern begrüßt. Sie haben an meinem ersten Abend ein Programm mit Tänzen und Reden für mich organisiert, was mich total beeindruckt hat, denn so habe ich direkt einige traditionelle Tänze und Lieder kennengelernt.

Die Kinder, die hier im Friendly Home leben sind Halb- und Vollwaisen, trotzdem sind sie unglaublich lebensfroh. Sie lachen total viel und sind direkt total offen und liebenswert auf mich zugegangen.

Zwischendurch kommen immer einige Kinder und kuscheln mit mir, was mir immer sehr gut tut.

Ich werde hier von den Kindern mit „Sister“ angesprochen, was in den ersten Tagen total ungewohnt für mich war, aber ich mich so direkt zugehörig gefühlt habe.

Alle Kinder hier sprechen schon super Englisch, was es mir sehr leicht macht, mit ihnen rum zu albern und enge Bindungen aufzubauen.

Von sehr vielen, seien es Lehrer*innen oder Kinder hier im Friendly Home, wurde ich zunächst gefragt, ob ich eine Krankheit oder sehr viele Pickel hätte. Gemeint sind meine doch sehr üppigen Sommersprossen auf Gesicht und Armen, was die Menschen hier nicht kennen und ich gab mein bestes ihnen zu erklären, was es damit auf sich hat.

Obwohl alle und besonders die Kinder total aufmerksam und herzlich sind, hatte ich in den ersten Wochen doch sehr starkes Heimweh, was sich mittlerweile mehr oder minder gelegt hat.

Mein Alltag

Nach rund zwei Monaten im Friendly Home hat sich für mich schon ein Alltag entwickelt.

Mein Tag beginnt damit, dass ich morgens um sechs mit den Kindern Yoga mache. Anfangs hat mich die Uhrzeit etwas gestört, aber mittlerweile finde ich es sehr angenehm mich morgens direkt etwas zu bewegen.

Nach dem Frühstück um acht erledigen die Kinder noch Hausaufgaben oder lernen, wobei ich ihnen helfe. Sind die Kinder in der Schule, erledige ich verschiedene Aufgaben, meistens arbeite ich im Office, manchmal gehe ich aber auch ins Dorf Besorgungen machen. Die Arbeit im Office macht mir eigentlich total Spaß, da ich so viel Zeit mit den Hausmüttern, die sich um die Kinder in den insgesamt fünf Häusern kümmern, meinen „Sisters“, verbringe.

Drei mal die Woche unterrichte ich Deutsch für die 8.Klassen in der Schule in einer AG, die direkt neben dem Friendly Home gelegen ist. Zwar hatte ich schon vorher viel Erfahrung vor Gruppen zu sprechen, dennoch musste ich mich erstmal in die Rolle der Lehrerin einfinden. Im Großen und Ganzen klappt es ziemlich gut, auch wenn es doch schwerer als gedacht ist die Klassen ruhig zu halten…

Nach der Schule geht es dann hier im Friendly Home weiter mit Gartenarbeit, meistens entfernen wir Gras oder pflanzen neue Pflanzen an.

Danach sind „Games“ angesagt, in dieser Zeit spiele ich mit den Kindern Ballspiele. Mir macht es super viel Spaß mit den Kindern zu spielen und nicht selten passieren dabei sehr witzige Sachen, die mich und die Kinder sehr zu lachen bringen.

Drei Mal die Woche gehen wir in die Messe. Obwohl diese auf Tamil gehalten wird und ich dementsprechend wenig bis nichts verstehe, genieße ich es sehr, denn dort habe ich Zeit über alles Mögliche zu reflektieren. Generell spielt Glaube hier eine große Rolle für die Kinder, so beten sie z.B. immer vor und nach dem Essen und ein Mal die Woche beten die Kinder den Rosenkranz.

Mittlerweile habe ich mich auch echt gut an das Klima gewöhnt. Seit Oktober sind die Temperaturen sogar etwas gesunken, was für mich total angenehm ist, für indische Verhältnisse aber geradezu kalt ist. Viele Kinder tragen dicke Pullis und Mützen, während es für mich in T-Shirt mehr als angenehm ist.

Besondere Erlebnisse

Mein erstes mal im Sari zusammen mit den Hausmüttern

Seit ich hier bin habe ich schon einige Feiertage miterlebt. Direkt in meiner ersten Woche war Independence Day, der Unabhängigkeitstag, welcher  in Indien ein sehr wichtiger Tag ist. An diesem Tag gab es eine große, feierliche Zeremonie in der Schule.

Hier in Alangayam gab es zudem ein großes Kirchenfest und ich durfte schon bei einer Hochzeit dabei sein, zu welcher ich das erste Mal einen Sari getragen habe.

 

Außerdem habe ich meinen 19.Geburtstag Anfang September hier im Friendly Home gefeiert. Um zwölf Uhr nachts  kamen einige Kinder an meinem Zimmer klopfen und wir haben zusammen etwas in meinen Geburtstag gefeiert. Morgens war dann Messe und zum Frühstück gab es Geburtstagstorte. Die Kinder haben mir einen sehr schönen Tag bereitet.

Ende September durfte ich für fünf Tage meine Mitfreiwillige Daphne in der Nähe von Trichy besuchen. Das hieß für mich das erste Mal alleine in Indien reisen.

Daphne und ich auf dem „Rock Fort Tempel“ in Trichy

Auf meiner achtstündigen Fahrt zu ihr habe ich mich jederzeit total sicher und wohl gefühlt, was wohl vor allem daran liegt, dass alle Menschen, die ich bis jetzt kennengelernt habe, total freundlich und  vor allem hilfsbereit sind.

Daphne und ich sind zusammen in die Städte Madurai und Trichy gefahren und haben zu zweit die Gegend erkundet.

Wir haben einige Tempel besichtigt, und da wir beide die Liebe für frisch gepresste Säfte teilen, die es hier so gut wie überall gibt, haben wir nicht selten einen Stopp in einem Saftladen gemacht.

Anfang Oktober haben wir mit allen Kindern einen Ausflugnach Vellore, der nächstgelegenen größeren Stadt, gemacht. Dort haben wir einige Tempel besichtigt und gemeinsam Lunch gegessen. Der Tag war geprägt von lautem Singen, Lachen und Tanzen. Die Kinder und Ich haben den Tag sehr genossen.

 

Nach zwei Monaten in Indien kann ich sagen, dass ich mich schon recht gut eingelebt habe.

Besonders genieße ich die gemeinsame Zeit mit den Kindern, sie sind mir alle sehr ans Herz gewachsen.

Ich bin aufgeregt und gespannt was in der kommenden Zeit noch auf mich zukommen wird und was ich erleben werde.

Ich freue mich schon euch in einigen Monaten wieder von meinen Erlebnissen zu berichten.

Liebe Grüße aus Indien,

Paula