Frankreich: 3. Rundbrief von Maria Hill

Dienen – Leiden – Hoffnung – Freude – Kommt euch das irgendwie bekannt vor? Ich gebe zu, ich fühle mich ein wenig seltsam, mit den vier Osterfeiertagen einzuleiten, wirken sie zeitlich doch schon so ewig weit weg! Doch bilden sie nicht nur den chronologischen Übergang von meinem zweiten Rundbrief – sondern genau betrachtet bringen sie exakt die Extreme der Erfahrungen meiner letzten vier Monate in Frankreich auf den Punkt.

Von frustrierender Leere zu erschlagender Fülle, einseitiger Isolierungsmaßnahmen zu gegenseitiger Hilfe, Trauerschmerz zu Lebensfreude, hoffnungsvollem Ausharren zu festem Vertrauen, Urlaubsreife zu Wiederkehrfreude….

Nach einer Zeit des “Herunterfahrens” fand ich mich in einer rasanten Beschleunigung wieder, alles aufholen zu wollen, es prasselten so viele Erlebnisse und Emotionswechsel in und außerhalb meiner Projektstelle auf mich ein, dass es mir gar nicht leicht fällt, euch eine Zusammenfassung zu geben.

Oster-Pilgerung

Doch beginne ich nun mit der am Ende des letzten Rundbriefes erwähnten Oster-Pilgerung. Diese fand von Gründonnerstag bis Ostersonntag innerhalb der “Arche de la Vallée” statt. Wegen der derzeitigen Kontaktbeschränkungen war es nicht möglich, sich mit der gesamten Arche-Gemeinschaft gemeinsam zu versammeln, doch immerhin konnten wir mit den einzelnen Wohnheimen mitsamt “Fraternité” aufbrechen. Die “Fraternité”

Osterpilgerung mit der Arche

(wörtl. “Brüderlichkeit”) bezeichnet Familien, Ehepaare oder generell Menschen, die mit einem bestimmten Wohnheim der Arche ehrenamtlich verbunden sind. Jeden Tag zogen wir dem Tages – “Motto” folgend los. So sammelten wir beispielsweise an Gründonnerstag im Zeichen des “Dienens” Müll im Dorf ein. Am Ende des Tages schrieben wir immer ein Gedicht zu dem passenden Thema. Dabei entstand nicht nur sehr schöne Poesie, sondern auch das Ritual, gemeinsam den Tag zu reflektieren und ein kleines Kunstwerk zu erschaffen, was zu einem verbindenden Gemeinschaftsgefühl als Pilgergruppe beitrug. Was mir von diesen Ostertagen besonders positiv in Erinnerung blieb, ist, dass wir nicht wie im Arbeitsalltag unterteilten zwischen Assistenten und Menschen mit Behinderung. Sondern in dieser Zeit waren wir ALLE PILGER.

Ausbremsung 

Von dieser Osterfreude bestärkt, begann das Leben in der Arche wieder neuen Schwung aufzunehmen. Unsere Haus-Chefin kam aus einer längeren Krankschreibung zurück. Ebenfalls kam Joël P., der seit fast 20 Jahren als saisonaler Angestellter bei der Arche eine Menge an wertvoller Erfahrung mitbringt. Er ist auch leidenschaftlicher Rennradfahrer. Dank ihm habe ich schon wunderschöne Orte der Region auf dem Rad entdecken können!

…Wenn unsere Pläne nicht wieder durchkreuzt wurden: Mitte April schon mussten wir abermals unser Alltagsleben komplett herunterfahren. Denn unser betreuter Mitbewohner Pascal wurde positiv auf Corona getestet. Glücklicherweise war er symptomfrei. Nichtsdestotrotz kam er nicht um eine 10-tägige Zimmerquarantäne herum. Und wir alle in “La Chaumière” hatten als enge Kontaktpersonen das strenge Ausnahmeprotokoll mit mehrtägiger Zimmerquarantäne für die Betreuten zu befolgen. Dabei stiegen zahlreiche Fragen in uns auf, es gab Unklarheiten, ein starker Krisenmodus, aus dem wir selbst die Wochen danach, als wir alle negativ getestet waren, gefühlt nur schwer wieder zu den ursprünglichen Werten des Miteinanders zurückfanden.  Gerade nachwirkend spürten wir im Haus eine generelle Erschöpfung dieser Ausbremsung und schnelle Gereiztheit.

Die Prioritätensetzung in der Gesundheit oder in der allgemeinen Begleitung der Betreuten sowie der Zwiespalt zwischen Freiheit und Autonomie waren und bleiben große umstrittene Themen, die mir zu Herzen gingen und deren Hinterfragen mich rastlos beschäftigte.

Beschleunigung

Als wir nun offiziell wieder draußen mit Aktivitäten beginnen konnten und auch auf Staatsebene die Maßnahmen Lockerungen zeigten, war die Versuchung groß, alles nachzuholen, was möglich war. Gleichzeitig steigerte dies bei mir persönlich den Tatendrang, einhergehend mit einem gewissen Druck, möglichst nichts zu verpassen. Ich wollte Ausflüge mit meinem Wohnheim organisieren und wäre am liebsten bei allen spannenden Aktivitäten dabei gewesen. Bis ich schließlich einsehen musste, dass mir eigentlich genau das Gegenteil, nämlich Abstand, guttun würde, anstatt mich in mein Engagement hineinzusteigern. Denn neben der 48 Stunden-Woche bei Wohnen im Projekt kam die quarantänebedingt übermäßige Bindung an die Arche hinzu, die mir letztendlich nachhing. Glücklicherweise kann ich seit Mai immer wieder davon profitieren, meine angesparten Urlaubstage zum Verreisen zu nutzen.

Kaum anderswo als hier in einem solchen Gemeinschaftsleben, wird einem so direkt vor Augen geführt, wie viel rund um die Uhr parallel abläuft. Ganz egal, wer gerade arbeitet oder nicht, alles läuft weiter. In diesem Sinne bietet sich die Arche super an, akzeptieren zu lernen, nicht an zwei Orten gleichzeitig sein zu können. Bewusst die Entscheidung zu treffen, nicht immer da sein zu können und das Beste aus jedem gelebten Moment zu machen.

Dabei nehme ich jedes Mal wieder aufs Neue erstaunt wahr, welche große Rolle Ortswechsel spielen. Zum einen natürlich unter dem Aspekt eines vollkommenen Schnitts zur Arbeit, doch auch gerade mit der Arche liebe ich Ausflüge! Sie haben eine ungeheure Wirkung und lassen uns gegenseitig auf eine ganz andere Art kennenlernen. Sie reißen alle aus dem Alltagstrott, erzeugen strahlende Augen, in der Vorfreude, im Moment selbst und lange Zeit danach. Dies beobachte ich immer wieder mit Freude, wenn mir die betreuten Personen wiederkehrend von einem solchen Erlebnis außerhalb ihrer gewohnten vier Wände erzählen.

Wochenende “La Salette”

Marienprozession in La Salette

An einem Wochenende im Juni stand ein ganz besonderer Ausflug mit der Arche an, an dem ich als Betreuerin teilnehmen durfte. Mit zwei 9-Sitzern besetzt starteten wir samstagsmorgens unser Abenteuer in die Alpen, nach “La Salette”. Dieser heutige Pilgerort (in Frankreich der zweite nach Lourdes) beruht auf einer Marienerscheinung aus dem 19. Jahrhundert. Gelegen auf fast 2000 Metern Höhe inmitten der mächtigen Bergwelt, hat der Ort tatsächlich eine magische Atmosphäre. Praktisch ist für uns als Arche-Gruppe, dass alle Übernachtungszimmer hinunter in einen einzigen großen Salon führen, sodass sich niemand verlaufen kann. Dies ermöglicht den betreuten Personen, sich nach Wunsch autonom zu bewegen, ohne Gefahr, verloren zu gehen. So konnten wir recht flexibel Kleingruppen bilden, mit denen wir das Gelände erkundeten, Gottesdienste besuchten, oder die abendliche Marienprozession.

Später am Abend beschlossen mein Kollege Jean und ich, am nächsten Morgen um fünf Uhr auf einen Bergwipfel zu steigen, um den Sonnenaufgang zu schauen. Nach einer knappen Stunde bot sich uns ein gigantischer Blick auf den “Sanctuaire La Salette” unter uns, umhüllt von steigenden Nebelschwaden, eine unglaubliche Fernsicht. Gebannt verfolgten wir die Entwicklung der Morgendämmerung bis schließlich die Felsen nach und nach im warmen Sonnenlicht aufleuchteten. Dieses Naturspektakel war echt überwältigend. Mein absoluter Tipp für euch: Es lohnt sich immer früh aufzustehen und auf einen Berg zu klettern!

Als wir sonntagabends zurückfuhren, hatten wir durch diesen kompletten Wechsel das Gefühl, weit länger weg gewesen zu sein.

Besuche

Neben dem Vereisen war es eine besondere Freude für mich, erstmals Gäste bei mir zu empfangen, und zwar meine Geschwister, die mich über das Fronleichnamswochenende

Pascal empfängt meine Geschwister

besuchen kamen. Es war erstaunlich normal, nicht als hätten wir uns acht Monate nicht gesehen. Gleichzeitig war es etwas Außergewöhnliches für mich, ihnen mein Leben, meine Lieblingsorte und die Leute aus meinem Lebensalltag vorzustellen. Es herrschte eine total einladende, ausgelassene Atmosphäre von allen Seiten. Nun habe ich es leichter, von bestimmten Menschen oder Dingen zu erzählen, die sie jetzt auch kennengelernt haben.

Aus einem ähnlichen Grund hatte ich mir bei der Ausreise gesagt, dass ich im Laufe des Jahres gerne meine Mitfreiwilligen in Frankreich besuchen möchte.

Bei der Gelegenheit einiger Urlaubstage im Mai konnte ich in der Nähe von Avignon bei meinem Mitfreiwilligen Rafael vorbeischauen, der mich sehr lieb aufnahm. Zum einen fand ich es spannend, einen Einblick in sein Projektleben in der Arche zu bekommen, um daraus Unterschiede sowie Gemeinsamkeiten zu mir in Hauterives ziehen zu können. Zum anderen habe ich nun eine konkrete Vorstellung und das Gefühl, mich auf eine ganz andere Weise hineinversetzen zu können, wenn er von seiner Projektarbeit berichtet.  Oder auch von der Region, die wir mit Ausflügen an Seen, oder auf dem Rad erkundeten. Was ich dabei schön fand, ist, wie sich im Laufe der drei Tage ein wenig dieses unverwechselbare SoFiA-Feeling entwickelte, das uns Freiwillige verbindet. Ähnlich ging es mir als Johannes und ich die Gelegenheit nutzten, uns zu treffen, indem ich ihn in der Nähe von Paris in der Arche besuchte, ebenfalls erfahrungsreich, relativ spontan – nette Kurzbesuche 🙂

In Paris verlängerte ich noch ein paar abenteuerliche Tage, die mich sehr zum Nachdenken anregten, deren genaue Ausführung mir der Platz im Rundbrief nicht mehr bietet – kurz: In einem Pariser Stadtpark machte ich die Erfahrung der unmessbaren Gastfreundschaft von Pavel und Omar, aus Rumänien und Marokko, die seit sechs Jahren dort in einem Zelt wohnen und mich aufnahmen, als ich zufälligerweise mit meinem Rad an einem regnerischen Tag vorbeikam und Zuflucht suchte.  Eine prägende Erfahrung. Als ich nach zwei Tagen aufbrechen musste, wirbelten mich neben Dankbarkeit, unzählige Fragen auf: zu Besitz, der Gabe, alles zu geben, Lebensglück, Migration in Europa, ungleiche Lebensbedingungen, Abhängigkeiten, Sprachbarrieren, Natureinflüssen oder was wirklich sinnerfüllend ist im Leben und mehr.

Trauerfall

Einige Wochen zuvor, am 24. Juni, wurden wir in der Arche leider von einer schockierenden Nachricht getroffen. Pascal aus unserem Wohnheim war gestorben, im Alter von 44 Jahren. Zwar hatte er seit Jahren leichte gesundheitliche Einschränkungen und sein Zustand hatte sich in den letzten Wochen plötzlich drastisch verschlechtert, doch dass er daran sterben könnte, davon war mit keinem Wort die Rede. Zufälligerweise war gerade für diesen Abend ein Gebet in der Kapelle unserer Arche angesetzt, bei dem alle die gerade konnten, kurzerhand eintrafen. Am Montag darauf fand eine Abendandacht mit der Familie und der Arche-Gemeinschaft in der Kirche in Tournon statt. Hierbei war ich nicht die Einzige, die viel Neues über das Leben Pascals erfuhr, das mit sehr viel Liebe dargestellt wurde. Was ich unter anderem sehr schön fand, war, dass später das Mikrophon herumgegeben wurde und jeder der wollte, eine Erinnerung, die er von Pascal hatte, erzählen konnte. Wer nicht mehr dazu kam, sich zu äußern, konnte es schriftlich nachreichen. Mit allen Beiträgen wird schließlich ein Erinnerungsbuch entstehen.

Ich werde Pascal mit zahlreichen schönen Erinnerungen im Herzen behalten. Er wurde zu einer der Personen hier, zu der ich eine der engsten Bindungen entwickelte und von der ich so viel gelernt habe. Seine außergewöhnliche Hilfsbereitschaft, Motivation für alles, seine Lebensfreude, gleichzeitig seine Andersartigkeit und Hilfsbedürftigkeit haben uns zusammengeschweißt. Deshalb bin ich unglaublich dankbar, ihn kennengelernt und meine ersten neun Monate hier mit ihm verbracht haben zu können!

Am nächsten Tag fand die Beerdigung statt. Diese Erfahrung, in einer Gemeinschaft, in der alles geteilt wird, zu trauern, war für mich neu. Neben der eigenen Trauerarbeit gilt es für uns Assistenten natürlich auch, die seelische Verfassung der Betreuten zu begleiten. Vor einigen Tagen bekamen wir im Wohnheim Besuch von einer für Trauer ausgebildeten Dame, die zunächst mit unserem Team und im Anschluss mit den Menschen mit Behinderung über den Tod von Pascal redete. Ich habe das Gefühl, dass seitdem die Stimmung befreiter ist. Das gemeinsame Gespräch und der Austausch über den Verstorbenen finde ich wichtig, die Erinnerung an ihn lebendig zu halten und sein Lebenswerk in Würde weiterzutragen.

Darin zeigt sich eine Erfahrung, die mich generell in der Arche berührt und eine nachhaltige Wirkung in mir hinterlassen hat: wie eine Person gewürdigt und in ihren vollen Wert gesetzt wird. Zelebrationen spielen eine extrem wichtige Rolle. Bei der Beerdigung, aber eben auch schon vorher, an Geburtstagen beispielsweise. Dabei wird jedes Mal eine Kerze umhergereicht und wer die Kerze hat, hält eine kleine Rede, in der er seine Wünsche für die Person äußert und hervorhebt, was er am Geburtstagskind wertschätzt und wofür er ihm dankt. Die Wichtigkeit, auf diese Art die Besonderheiten jedes Einzelnen hervorzuheben, verinnerliche ich immer mehr. Damit einhergehend die Selbstverständlichkeit auf den Schwächsten oder Langsamsten Rücksicht zu nehmen. Dafür könnte ich unzählige Beispiele aus der Arche finden, wobei sich die Rollen beliebig vertauschen können, was manchmal sehr überraschend und echt rührend sein kann.

Projekte

Vor einigen Wochen drehte ich mit einem Mitfreiwilligen und einer Kollegin einen Kurzfilm über das spirituelle Leben in unserer Arche, in dem wir verschiedene Menschen mit und ohne Behinderung interviewten. Es war schön, ein so direkt sichtbares Ergebnis eines Projektes zu sehen. Gerade zu der Betreuung der Menschen in meinem Wohnheim, die weniger pflegerisch als vielmehr subtil psychisch ist, war dies eine guttuende Abwechselung. Auch in der Werkstatt “Espaces Verts” konnte ich mich die letzten Monate in kleinen Projekten neuer Bereiche künstlerisch und manuell erproben. So half ich bei der Anfertigung von Wanduhren aus Holzscheiben oder der Neubemalung des Arche-Eingangsschildes. Was ich dabei vor allem in Hinsicht auf die Begleitung der Menschen mit Behinderung lernte, war es, nicht locker zu lassen, sondern beharrlich die betreute Person aufzumuntern, an ihrer begonnenen Arbeit dran zu bleiben! Bei Mehmet ist dies besonders anspruchsvoll. Einmal habe ich nach einem einzigen Wimpernschlag aufgeschaut und verblüfft feststellen müssen, dass er verschwunden war. Er hatte sich, wie so oft, blitzschnell aus dem Staub gemacht.

Apropos aus dem Staub machen. Seit ein paar Tagen beginnt überall in der Arche die Sommerferienstimmung. Auch für mich wird es noch ein spannender Monat mit viel, viel Abwechselung! Doch ich möchte nichts vorwegnehmen. Darauf könnt ihr euch im nächsten Rundbrief freuen 🙂

Euch einen erholsamen, Sommer mit viel Sonne im Herzen!  Bisous                                       Maria

Grüße aus „La Chaumière“